Norddeutscher Postbezirk - damit mag mancher Leser sicherlich etwas anfangen können, ist er doch, so kurz er auch bestand, aufgrund vieler postgeschichtlicher Neuerungen ein vielseitiges und reizvolles Sammelgebiet der altdeutschen Zeit.
Das Jubiläum der Post des Norddeutschen Bundes und ihres Zuständigkeitsbereichs, des Norddeutschen Postbezirks (NDP), erinnert uns heute noch mit Respekt an die reibungslose Verschmelzung der Landesposten zu einer einheitlichen deutschen Staatspost. Wesentlichen Anteil an der Vorbereitung und Durchführung hatte Heinrich Stephan, einer der bedeutendsten Organisatoren des deutschen Postwesens und späterer Gründer des Weltpostvereins, der am 26.4.1870 Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes wurde.
 
Geschichtlicher Überblick
Auf dem Weg zur deutschen Einheit spielte der Norddeutsche Bund eine kurze, aber bedeutende Rolle. Durch den Ausgang des Deutschen Krieges 1866 hatte Österreich seinen Einfluß verloren und der (erste) Deutsche Bund war zerschlagen. Unter Preußens Führung wurde 1867 der Norddeutsche Bund aus den nördlich des Mains gelegenen 19 deutschen Staaten und der drei Freien und Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck als ein deutscher Bundesstaat geschaffen.
Mit dem Beitritt der Großherzogtümer Baden und (ganz) Hessen zum Norddeutschen Bund am 15.11.1870 wurde der (neue) Deutsche Bund gegründet. Am 23. bzw. 25.11.1870 folgten die Königreiche Bayern und Württemberg. Diese Beitrittsverträge sind am 1.1.1871 in Kraft getreten, dem Geburtsdatum des Deutschen Reichs. Als dessen Staatsoberhaupt ist am 18.1.1871 in Versailles König Wilhelm I. von Preußen als Deutscher Kaiser proklamiert worden.
Die Verfassung des Deutschen Reiches trat am 4.5.1871 in Kraft. Nach dem Krieg 1870/71 hat Frankreich, bestätigt im Friedensvertrag von Frankfurt am Main vom 10.5.1871, Elsaß-Lothringen an das Deutsche Reich abgetreten.
 
Die postgeschichtliche Entwicklung
Mit Inkrafttreten der Verfassung des Norddeutschen Bundes (1.7.1867) übernahm die Erste Abteilung des Bundeskanzleramtes, das Generalpostamt in Berlin, die Verwaltung des Postwesens als einheitliche Staatsverkehrsanstalt. Ihr Zuständigkeitsbereich wurde als "Norddeutscher Postbezirk" bezeichnet, da zu ihm auch die südlich des Mains gelegenen Provinzen Rheinhessen und Starkenburg des Großherzogtums Hessen gehörten, die erst am 15.11.1870 zum Norddeutschen Bund kamen.
Die Gesetze über das Postwesen vom 2.11.1867 und über das Posttaxwesen vom 4.11.1867 traten am 1.1.1868 in Kraft und beendeten die Tätigkeit der bisher noch selbständigen Postverwaltungen von Bergedorf, Braunschweig, Bremen, Hamburg, Lübeck, Mecklenburg-Schwerin und -Strelitz, Oldenburg, Preußen und Sachsen.
Preußen hatte zuvor die Postanstalten von Hannover,
Schleswig-Holstein, Lauenburg und Thurn und Taxis übernommen.
Mit Ende des Deutsch-Österreichischen Postvereins am 31.12.1867 trat mit Wirkung vom 1.1.1868 eine Gemeinschaft von Vertragschließenden zusammen, zu denen folgende selbständigen Postgebiete gehörten : der Norddeutsche Bund, Baden, Bayern, Luxemburg, Österreich und Württemberg. Innerhalb des gesamten Gebietes der Vertragsstaaten wurden Sendungen zum jeweiligen Inlandsporto des Absendergebietes im "Wechselverkehr" ausgetauscht und befördert, mit Luxemburg allerdings keine Fahrpostsendungen.
Das Ende des Norddeutschen Bundes durch die Reichsgründung war noch nicht das Ende der Norddeutschen Bundespost, die im Mai 1871 in Deutsche Reichs-Post umbenannt wurde. Die Marken des NDP galten noch bis zum 31.12.1871 weiter, einige noch darüber hinaus. Erst am 1.1.1872 wurden Marken mit der Inschrift "Deutsche Reichs-Post" gültig.
 
Die Verwaltung und Leistung der Norddeutschen Bundespost
Die Gründung des Norddeutschen Bundes brachte eine umfassende Vereinheitlichung der Postverhältnisse mit sich. Alle Oberpostdirektionen (bestehend oder neu eingerichtet) unterstanden der zentralen Verwaltung in Berlin. So war die am 1.7.1867 etablierte Oberpostdirektion (OPD) Darmstadt für das gesamte Gebiet des Großherzogtums Hessen (einschließlich der nicht zum Norddeutschen Bund gehörigen Gebietsteile Rheinhessen und Starkenburg) zuständig.
Die Norddeutsche Bundespost wurde mit 4.340 Postanstalten für ein Betreuungsgebiet von etwa 420.000 km², mit rund 30 Millionen Einwohnern tätig. Die für die damalige Zeit unvorstellbare Zahl von Postsendungen stieg von 504 Millionen (1868) auf 703 Millionen (1871), und nach anfänglichen Verlusten wurde 1871 schließlich ein Reingewinn von ca. 3,5 Millionen Thalern erzielt. Dabei wurden die Poststellen bis 1872 auf 4.927 ausgedehnt.

                       

Die Eröffnung des ersten Auslandspostamtes in Constantinopel (heutiges Istanbul) erfolgte am 1.3.1870. In der Zeit des Norddeutschen Postbezirks wurden drei verschiedene Stempel in Constantinopel verwendet (hier Abgebildet ist der letzte Stempel).
Außerdem wurden mit einer Reihe von ausländischen Staaten eigene Postverträge abgeschlossen, die Austausch und Gebühren von Postsendungen regelten.
                                                                                                                                                                                                           

Die bedeutendste Leistung der Norddeutschen Bundespost war die Einführung von einheitlichen Gebühren für Sendungen von Postort zu Postort innerhalb des Norddeutschen Postgebietes und der Vertragsstaaten. Bei noch nicht einheitlicher Währung im Postgebiet wurde die preußische Thalerwährung als Grundlage der Tarife bestimmt. In Gebieten anderer Währung mußten die Portobeträge in die landesübliche Münzwährung möglichst genau umgerechnet werden. So kostete nunmehr ein einfacher Brief bis zu einem Gewicht von 1 Loth ( 16 2/3 Gramm) von Postort zu Postort auf alle Entfernungen 1 Silbergroschen (oder, wie zum Beispiel im Großherzogtum Hessen, 3 Kreuzer). Nur für Gebühren der Sendungen innerhalb des Gebietes einer Aufgabe-Postanstalt (auch innerhalb ihres Landzustellungsbezirks) wurde noch keine einheitliche Regelung festgelegt. So blieben die alten Regelungen teilweise noch bis Ende 1874 bestehen. Hamburg verwendete sogar für seine Ortsbriefe eine eigene Stadtpostmarke zu 1/2 Schilling (4 1/2 preuß. Pfennige).
 
Freimarken und Franco-Couverts des NDP
Zahlreiche Entwürfe und Probedrucke kennzeichnen die Entwicklung bis zur endgültigen Ausführung der Postwertzeichen. Da die Marken eine Reihe von Regierungen zufriedenstellen mußten, wählte man ein einfaches Ziffernmotiv und keine der sonst üblichen staatlichen Hoheitszeichen. Die Freimarken wurden nach Entwürfen von C. Schwatlo in der preußischen Staatsdruckerei in Berlin im Buchdruck hergestellt. Am 1.1.1868 kamen 6 Freimarken in Groschen-Werten und 5 in Kreuzer-Werten, eine Stadtpostmarke für Hamburg und ein Franco-Couvert zu 1 Groschen (in zwei Umschlaggrößen) an die Postschalter. Die Freimarkenausgaben von 1868 wurden mit unterschiedlichem Reihendurchstich zur Erleichterung der Trennung versehen.
Ferner wurde der größte Teil der erst im Dezember 1866 im preußischen Postbezirk verausgabten 10- und 30-Silbergroschen-Marken bis zur Ausgabe entsprechender Marken des NDP am 1.3.1869 im gesamten Postgebiet aufgebraucht. Diese Marken wurden wegen ihres hohen Wertes nicht an das Publikum abgegeben, sondern von den Schalterbeamten für höherwertige Frankaturen verwendet.
An weiteren Ganzsachen erschienen am 23.10.1868 3-Kreuzer-Umschläge und am 20.3.1869 Streifbänder zu 1/3 Groschen und zu 1 Kreuzer.
Ein Novum wurden die Aufbrauchsausgaben des NDP : die großen Restbestände an ungültig gewordenen Umschlägen, die am 1.1.1868 bei fünf Mitgliedsstaaten lagerten, wurden mit durchstochenen Marken zu 1 Groschen (rosa), 3 Kreuzern (rosa) und 2 Groschen (blau) des NDP überklebt und mit einem Sicherheitsüberdruck versehen.
Ab Ende Januar 1869 wurden alle Freimarken in gezähnter Form an die Postanstalten geliefert.
 
Die Erfindung der Dienstmarken
Mit Gesetz vom 5.6.1869 wurden im Norddeutschen Bund die vielen Portofreiheiten, sogar die der staatlichen und kirchlichen Behörden, mit Wirkung vom 1.1.1870 bis auf wenige Ausnahmen abgeschafft. Zur Frankierung der Dienstkorrespondenz wurden die ersten Dienstmarken in Groschen- (5 Werte) und Kreuzer-Rechnung (4 Werte) herausgegeben. Sie galten zwar im gesamten Postgebiet, wurden jedoch nicht überall verwendet, da dies nicht obligatorisch war. Ferner entfiel die Verwendung der Dienstmarken bei den Behörden jener Länder, die mit der Postverwaltung Aversionalvereinbarungen (pauschale Bezahlung bestimmter Gebühren) trafen. Die Kennzeichnung solcher Sendungen erfolgte durch handschriftliche Vermerke, Aversstempel oder Klebezettel.
Durch Vertrag vom 7.12.1869 galt das o.g. Gesetz vom 5.6.1869 auch in den nicht zum Norddeutschen Bund gehörigen Landesteilen des Großherzogtums Hessen.
 
Die Einführung der Correspondenz-Karten in Deutschland
Vorläufer der Postkarten gab es bereits seit dem 30.5.1865 im preußischen Postbezirk in Form von gedruckten Geschäftskarten. Als handschriftliche Vermerke waren außer der Adresse des Empfängers nur die Absenderangaben und bei Geschäftsanzeigen die Unterschrift zugelassen. Diese Regelung wurde auch für den Geltungsbereich der Norddeutschen Bundespost übernommen.
Die Einführung eines Formulars zu offenen Mitteilungen, das dem Publikum neben der bisher üblichen Briefform durch Einfachheit und Kürze wie auch durch Senkung des Portos den Schriftverkehr erleichtern sollte, wurde in einer vom damaligen geheimen Postrat Stephan verfaßten Denkschrift auf der 5. Deutschen Postvereins-Konferenz im Oktober 1865 vorgeschlagen. Dieser Vorschlag fand bei dem damaligen preußischen Generalpostdirektor von Philipsborn aus "sittlichen Gründen" keine Billigung. Erst nachdem Stephan selbst zum Generalpostdirektor ernannt war, setzte er mit dem 1.7.1870 die Einführung der Correspondenzkarte durch. Die Correspondenz-Karten wurden sofort ein voller Erfolg, obwohl sie vorerst das gleiche Porto kosteten wie ein Brief.
Mit Beginn des Deutsch-Französischen Krieges wurden die Karten auch als Feldpostkarten zugelassen und schon bald eigene Feldpost-Correspondenzkarten in zwei Formen (eine an Soldaten im Feld und eine von Soldaten an die Heimatanschrift) gedruckt.
 
Die Ausgabe der ersten Besetzungsmarken der Welt
Am 19.7.1870 erklärte Frankreich Preußen den Krieg. Mit der Mobilmachung der Streitkräfte wurden auf deutscher Seite die Feldposteinheiten des Norddeutschen Bundes und der verbündeten süddeutschen Staaten aufgestellt. Im September 1870 brachte die Norddeutsche Postverwaltung für die Wiederaufnahme des zivilen Postverkehrs in den besetzten französischen Gebieten die in Berlin gedruckten Okkupations-Freimarken in französischer Währung heraus.
Sie galten im besetzten Nordfrankreich nur, bis ab 24.3.1871 die Deutschen den zivilen Postverkehr dort wieder an die Franzosen übertrugen. In Elsaß-Lothringen galten die Besetzungsmarken bis zum 31.12.1871 weiter und wurden am 1.1.1872 von den Reichspostmarken in Groschenwährung abgelöst.
 
Nachwort
In diesem kleinen geschichtlichen Überblick konnten sicherlich nicht alle Aspekte eines der vielseitigsten Sammelgebiete der klassischen Philatelie, des Norddeutschen Postbezirks, dargestellt werden. Über vieles wäre noch zu berichten - sollten Sie neugierig geworden sein, fragen Sie nach weiteren Informationen bei der Arbeitsgemeinschaft Norddeutscher Postbezirk e.V.
 
Literatur

Sautter : Geschichte der Norddeutschen Bundespost, Berlin 1933
Sebastian : Norddeutscher Postbezirk, Hannover 1947
Spezialkataloge : Michel und Borek

… und alle von unserer ArGe herausgegebenen Schriften!

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